Ich weiß nicht, wie oft ich schon zum Jahreswechsel im Orchester den Radetzkymarsch gespielt habe. Ich höre ihn mir auch immer wieder gerne an, als guten Kontrast und Ergänzung zu Lachenmann, The Ruins oder Gustav Mahler – insbesondere in der Interpretation des großen Carlos Kleiber. Heuer am 1. Januar habe ich ihn hingegen zum ersten Mal im Konzert von der Publikumsseite gehört. Und ich habe gemerkt, dass ich nicht fähig war, in das rituelle Mitgeklatsche einzustimmen, das mich von der Bühne aus und am Youtube-Bildschirm eigentlich nie besonders gestört hatte.
Es handelt sich da um einen tief verwurzelten anarchischen Zug, den ich schon kenne und der mir regelmäßig alle Widerhärchen gen Himmel hebt, wenn ich mich in irgendeine Massen-Aktion einhaken soll. Alle machen das!? Na dann Prost Mahlzeit. Dann grad aus Fleiß was andres! Schon im katholischen Kindergarten der Englischen Fräulein bin ich einst negativ aufgefallen, weil ich an meine Bastel-Maus keinen Schwanz dranmachen wollte. Eine Maus muss aber einen Schwanz haben! insistierte die Schwester, jede Maus hat einen Schwanz! – Nein: meine Maus hat keinen Schwanz.
So Leute, die schon im zarten Alter von vier Jahren in selbigem Maria-Ward-Kindergarten verkünden, es gebe ja in Wirklichkeit gar keinen Gott, sind dann diejenigen, die fünfundzwanzig Jahre später im heidnischen Berlin katholische Blogs betreiben. Wie!? In Berlin haben die Mäuse alle keinen Schwanz? – Na, also meine Maus hat einen, und zwar was für nen langen!!
Natürlich stimmt das nur zur Hälfte. Der Anti-Reflex erklärt nicht alles. Wer seine Meinung immer grad andersrum zum Mainstream wendet, ist dem natürlich genauso hörig wie der, der mitschwimmt. In dem ganzen Rebellieren und Hauen und Stechen bildet man sich irgendwann dann differenziertere Meinungen. Die wird man zwar je nach Publikum unterschiedlich nuancieren – tendenziell immer gegen die vorgetragende Meinung -, aber man wird sie nicht grundlegend ändern. Schmäht ein Säkularer den Papst, dann verteidige ich ihn. Erzählt mir hingegen ein Frömmler, wie wichtig es doch sei, fünfzehnmal am Tag für unsern inniggeliebten Heiligen Vater den schmerzhaften Rosenkranz aufzuopfern, dann mach ich ihn drauf aufmerksam, dass es doch noch einige andere wichtige Dinge neben dem Papst gibt, dass z.B. auch Nietzsche mal was interessantes gesagt hat.
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In diesen Tagen sprechen erstaunlich viele meiner Blogger-Kollegen von der tumben Masse, die den Radetzky-Marsch mitklatscht. Welche allerdings ihre klatschenden Hände diesmal zur Faust geballt hat und auf ein Opfer einschlägt, das es dagegen in Schutz zu nehmen gelte. Der Morgenländer redet vom Mob, Ultramontanus vom voyeuristischen Spießbürger, Josef Bordat von spuckenden Jägermeister-Konsumenten, André Lichtschlag von Hetz jagden und Draufhauen auf am Boden Liegende. Der Verfolgte ist – na wer schon: unser Noch-Boss. Der Mob, das sind die Medien, mit der Bildzeitung an der Spitze, flankiert von der – “sogenannten”, das darf nie fehlen – Qualitätspresse.
“Im Zweifel für den Einzelnen”, resümiert Lichtschlag. Und das ist ja auch gar nicht falsch. Es ist sicher richtiger als die tumbe Alternative der ewigen demokratischen Mehrheit, “im Zweifel mit der Masse”. Nur kann es niemals, wie oben beschrieben, das einzige Kriterium sein, nach dem ein freier Mensch urteilen sollte. So sehr mich die Bildzeitung anwidert, so sehr mich das tribunalartige Wulff-Interview, geführt vom Chef aller Selbstgerechten Ulrich Depp vom Dorf, abgestoßen hat, so sehr mich die Wurmfortsätze von C- und D-Journalisten anekeln, die ausführlich die Empörung ihrer A- und B-Kollegen remixen – so wenig habe ich Anlass, mich von diesen mediokren Gesellen von meiner längst gefassten Meinung abbringen zu lassen, dass Christian Wulff ein unwürdiger Präsident ist.
Eine mittelmäßige Kleinbürgerseele, die von einer mittelmäßigen Präsidialkanzlerin mittels Parteidisziplin ins Amt gebracht worden ist, obwohl mit Herrn Gauck ein echter Kerl zur Verfügung gestanden hätte, kann ich nicht ehrlichen Herzens verteidigen. Ich habe seinerzeit durchblicken lassen, dass ich diese Kreditsache von der Sache her nicht tragisch finde. Aber dass der langweilige Kleinbürger nun just über sein langweiliges Kleinbürgerhaus stolpert, das finde ich nur konsequent. Klar, im Ausland lacht man über sowas. Das ist nunmal unsere teutsche Mentalität. In Frankreich stolpern Politiker über Vergewaltigungsvorwürfe, in Italien über Korruptionsskandale, in Rumänien über Vetternwirtschaft und in Zentralafrika über Kannibalismus. Unser Bundespräsident stolpert über sein Backsteinhaus am Stadtrand. Na wunderbar. Jedem wie ers verdient. Das ist nunmal so hienieden, wenn man mit den Mächten dieser Welt buhlt und nicht aufs Gesetz der Gnade Gottes vertraut.
Spezielles Mitleid habe ich da (ich rede nicht vom allgemeinen christlichen Mitleid, das ich auch Diekmann und Deppendorf entgegenbringe) eher wenig. Keinen der beteiligten Akteure – Medien, Wulff, Politiker – kann ich ehrlich als Vorbild oder als Guten verteidigen. In diesem Fall verteidige ich dann doch lieber den Papst.

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Es hat den Anschein, ja. :)