Die totale Langeweile

Hierzu kann ich möglichen versprengten, nicht zimmerputzend mit Freunden kochenden bzw. leistend und sparend mit schönen braunen Augen Eigenheim und Ehemann herbeisehnenden Revoluzzer-Individuen hinsichtlich möglicher Ausbruchsperspektiven aus derlei gesamtgesellschaftlicher Frühvergreisung lediglich mit urberlinischen Worten mitteilen:

Ist ja zum Katholischwerden!

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liberaler Iran

O-Ton Ayatollah Ali Chamenei: “Meine erste und wichtigste Anweisung ist, dass die Mehrheit an den Wahlen teilnehmen soll. Das ist das Wichtigste für das Land. Vielleicht wollen manche die islamische Republik nicht unterstützen, aber sie wollen doch zumindest ihr Land verteidigen. Deshalb sollen auch sie in den Wahllokalen erscheinen.”

Wann hören wir von Pfarrer Joachim Gauck: “Vielleicht wollen manche die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht unterstützen, aber sie wollen doch zumindest ihr Land verteidigen. Deshalb sollen auch sie in den Wahllokalen erscheinen.” - ???

Und trotzdem sind wir das freie, der Iran das autoritäre Land?

Wenn schon unsere westlichen Maßstäbe so relativ gegenüber 3000 km Distanz sind, wie relativ sind erst unsere irdischen Maßstäbe gegenüber der Ewigkeit?

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Die Herrinnen Professor hält eine Vorlesungen

kath.net-Screenshot am 13. Juni 2013 nachmittags...

oder: katholische Avantgarde: Emanzipiert den Plural!

Lange Zeit völlig unbeachtet konnte sich eine skandalöse Diskriminierung in unsere Sprache einschleichen: Subjekte im Singular konnten nur mit Prädikaten im Singular verbunden werden, Subjekte im Plural nur mit Prädikaten im Plural – für attributive Adjektive galt das gleiche. Und das im Zeitalter von Homoehe und Patchworkfamilie!

Erfreulicherweise ist es diesmal die katholische Kirche, die sich gegen diese archaische Diskriminierung auflehnt. Da umweht einen doch gleich der weltläufige Hauch des frohen Leipziger Allerlei, wenn man in diesem Artikel liest:

Wenig überfreut über den drohenden Millionenverlust ist u.a. die staatliche Zürcher Landeskirchen. Jetzt droht man, dass man bei der Abschaffung dieser Steuer dem Bischof von Chur das Geld kürzen möchte. Vitus Huonder hatte schon mehrfach klar gemacht, dass er die Abschaffung der Kirchensteuer für Firmen befürworte. Besonders schmerzlich könnte der Wegfall für die Zürich werden. Dort macht die Kirchensteuern von Firmen mit 50 Millionen jährlich rund ein Viertel der Gesamteinkünfte aus. Nach Chur selbst werden übrigens nur 970 000 Franken für sechs Kantone überwiesen.

Laut “Landbote” soll für den Verlust aber nach dem Willen der Züricher jetzt auch Huonder dafür büßen: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir überall sparen und den Bistumsbeitrag nicht antasten.”, meinte ein Sprecher der Zürche Landeskirche. Giuseppe Gracia, der Sprecher des Bistums, zeigt sich über diese Drohung gelassen…

Gratulor! Zwölf Fehler sprachemanzipatorische Subversivformulierungen in neun Sätzen!

Dass Landeskirchen überfreuen wie im Winter die Kälte überfriert, dass “drohen” keinen Infinitiv mehr nach sich zieht; dass der Bischof (wohl mit dem Segen der neuen Rechtschreibung) keinen trüben Urin ausscheidet; dass die fraglichen Firmen lesartabhängig bis zu 50 Millionen Mitarbeiter haben könnten; dass der Bischof nicht nur für den Verlust, sondern gemeinerweise auch noch “dafür” büßen muss; dass polyamore Tripelliaisons von Punkt, Anführungszeichen und Komma legalisiert werden; dass das End-”r” entbehrlich wird, weil “Zürche Landeskirche” sich einfach gar so schön reimt; dass man nicht “angesichts einer”, sondern “über eine” Drohung gelassen bleibt…… dies alles sind ja nur Extrazuckerl im emanzipatorischen kreativ-katholischen Sprachzirkus.

Viel wichtiger sind die Kernbotschaften: “die staatlichen Zürcher Landeskirchen”? – ha, das war gestern! Heute sagt der Katholik von Welt: “die staatliche Zürcher Landeskirchen”!

“Die Landeskirchen sind überfreut”? – uh wie reaktionär! Nein: – “Die Landeskirchen ist überfreut”!

“Das Zürich (in der Schweiz), die Zürichs (dieser Welt)”? – oh nein! – Schlichtweg “die Zürich”!

“Die Kirchensteuern machen ein Viertel aus”? – oh nein! – “Die Kirchensteuern macht ein Viertel aus”!

JAAAA! Wir Katholik befreit die deutschen Sprache von ihre Fessel in Singulare und Plural! Jede Wörter geht mit allen andere Wort! Für eine Zukünfte in unbegrenzter Freiheiten! Sprachen in paradiesischen Unschuld! Wie es in diesem alte Sprüche heißen: “Als Adams grub und Eva spannten / da schrieben Text die Praktikantin…”

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Das Evangelium ist ein Pfannkuchen

Ach nein, bitte keine Rosenkränze...

Mensch Franz… eigentlich hab ich ja gar keine Zeit zum Bloggen, aber wie soll ich denn bitte das verstehen (wenns denn wahr ist)?

Kritisch soll sich Papst Franziskus über eine Gebetsinitiative aus dem traditionalistischen Bereich geäußert haben, die ihm nach der Wahl „3525 Rosenkränze als besonderes spirituelles Geschenk“ dargebracht hätten. „Warum sagen die nicht einfach: ‚Wir beten für Sie‘?“ Die Glaubenspraktiken aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1959-63) hätten sich überlebt, so Papst Franziskus. Kritik gab es auch für eine Oberin, die ihren Schwestern empfahl, statt des Morgengebets ein „spirituelles Bad im Kosmos zu nehmen“. „Das Evangelium ist weder das alte Regelwerk noch dieser Pantheismus. Das Evangelium sind die Armen“, bekräftigte der Papst.

Nein, Herr Papst: das Evangelium sind nicht die Armen. Das Evangelium ist die frohe Botschaft von der Menschwerdung, dem Opfertod und der Auferstehung unseres Herrn und Gottes Jesus Christus. Das ist das Unglaubliche. Die Armen sind nichts besonderes. “Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit” (Mt 26,11 / Joh 12,8).

Das heißt nicht, dass Arme im Evangelium keine Rolle spielten. Das Bewusstsein, ein Armer, ein Bettler zu sein, ist sogar essentiell, um des Evangeliums, mithin der Erlösung teilhaftig zu werden. Und wie könnte sich eine in dieser Weise wahrhaft arme Gesinnung besser äußern, als dass man sich dankbar und gerührt über 3525 Rosenkränze zeige, auch wenn man persönlich (und da gehe ich mit dem Papst konform) für diese Marathon-Frömmigkeit nicht viel übrig hat? Wie hingegen muss man drauf sein, um einem Armen, der einem ein Stück Brot schenkt, zu erwidern: “Nein danke, ich esse lieber Torte?”

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Gebrause aus tausendundeinem Tag

Gestern vor 1000 Tagen erschien mit dem Doppelnachruf auf Sepp Daxenberger und Christoph Schlingensief der erste Artikel auf diesem Blog, und nachdem ichs gestern nicht geschafft habe, dieses Jubiläum zu würdigen, tue ichs nun mit einem Tag Verspätung. Ist eh schöner, denn die Symbolzahl 1000 verbindet man ja eher mit gefesselten Satanen und allerlei falschen Propheten, während die Tausendundeins für das Wunderbare, Unerhörte und Unendliche steht.

Eigentlich hatte ich vor, zum Blogjubiläum ausgiebig Resümee zu ziehen und, wies so üblich ist, massenweise Blogstatistiken auszubreiten à la “meistgelesen”, “meistverlinkt”, “meistkommentiert”, “die skurrilsten Suchanfragen” usw. usf., allerdings stecke ich gerade tief im Endprobenstress und hab keine Zeit dafür…

Ich werde das aber nachholen, voraussichtlich nach dem nächsten Wochenende (ab dem 17. Juni), und vorher ist hier tatsächlich auch wenig bis nichts neues zu erwarten.

Doch ich möchte es trotzdem nicht verabsäumen, mich an dieser Stelle ganz, ganz herzlich bei allen zu bedanken, die auf Geistbraus vorbeischauen, lesen, kommentieren, loben, tadeln, diskutieren und dazu beitragen, dass ich in den letzten dreieinhalb Jahren nicht nur viele anregende virtuelle Gespräche über Gott, Kirche und Welt führen konnte, sondern auch eine Menge interessante Menschen – virtuell und teilweise auch real – kennenlernen konnte! Ich freue mich von Herzen auf die nächsten 1001 Tage und hoffe, dass der große Kalif dort oben weiterhin mit der brausenden Sheherazade Gnade hat!

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Trifft der Clemens Brentano den Roland Freisler…

Clemens Brentano

Nein, keine Sorge, hier kommt nicht gleich der nächste Naziwitz. Ich habe nur vor kurzem Herrn Freisler und Herrn Brentano getroffen, und das lustige ist, das Brentano ein Nazi war und Freisler keiner. Oder zumindest von den Leuten dafür gehalten bzw. nicht dafür gehalten wurde. Aber der Reihe nach.

Mein letzter Post hat naturgemäß nicht nur enthusiastische Reaktionen hervorgerufen. Unter dem Titel “lustige Judenwitze” veranstaltet z. B. Herr Schnitzler vom Balken-und-Splitter-Blog ein lustiges Feuerwerk an Blend- und Signalwörtern, die zwischen “menschenverachtend”, “Dummheit”, “unreif”, “Bübchen” und “Geschmacklosigkeit” changieren und zusammen einen Aussagewert → 0, dafür einen Pathosfaktor → 100 besitzen. Leider habe ich Victor Klemperers Lingua Tertii Imperii gerade nicht zur Hand, aber das Phänomen der inhaltsleeren Blendsprache wird dort sehr treffend beschrieben.

Nun möchte ich den werten Herrn Schnitzler selbstverständlich nicht mit dem unwerten Herrn Goebbels vergleichen, denn der weitere Schlagabtausch legte einen viel passenderen Vergleich nahe. Als ich anregte, Herr Schnitzler möge doch dem Signalwörterstelldichein auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit meinem Artikel beigeben, erfuhr ich klipp und klar:

Ihr Pizza-”Witz” bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. Sie sollten sich schämen!

Vor soviel argumentativer Brillanz musste ich freilich kapitulieren. Ich teilte Herrn Schritzler umgehend mit, er möge sich ebenfalls schämen, aber dummerweise konnte ichs nicht lassen, zu weiteren intellektuellen Höhenflügen anzusetzen mit dem Hinweis, es sei ja gar nicht “mein” Pizza-Witz gewesen, was mir wiederum den Rüffel einbrachte, das mache ja alles nur noch schlimmer, denn ich würde mich verwerflicherweise hinter einem Juden verstecken, “ein gängiges Muster”. Da hatte er natürlich recht, der Herr Fritzler, ich hätte sicherlich besser dran getan, den wahren Hergang zu verschweigen und zu behaupten, den Witz habe mir ein Freund aus der sächsischen Provinz erzählt. Ich hätte “die Juden”, welche bekanntermaßen hauptsächlich die Funktion haben, sich in Muster zu fügen, nicht individualisieren und damit als jene ominösen “Menschen” behaupten sollen, die man doch schon anno dazumal nur durch das Präfix “Unter-” ein- und anschließend ausmustern konnte.

Verständlich, dass der Herr Freitzler mit so jemandem nicht diskutieren will. Das mühselig gehegte Weltbild in Frage gestellt? Nicht mit mir! Da könnte ja jeder kommen. Und dann gehts auch noch um Juden?! Raus! Die Judenfrage ist schließlich die wichtigste Frage heute! Wer in dieser Frage vom gesunden Volksempfinden abweicht, wie es jeden Tag all unsere deutschen Zeitungen und all unsere deutschen Politiker verkünden, der hat sich selbst aus der Gesellschaft ausgeschlossen!! Endgültig!!! So wahr ich Freisler heiße!!!!

*

Dieser Metamorphose des Bürgers zum Nazi sei eine andere hinzugefügt (hier kommen wir dann zu Clemens Brentano), und wen wirds überraschen, dass Nasonis nächste Versgeschichte die Verwandlung des Nazis zum Bürger behandelt?

Über Andreas Molaus Ausstieg aus der rechtsextremen Szene habe ich schon vor einiger Zeit gepostet, und einige Zeit später kam es zu einem kurzen Briefwechsel mit Molau, in dem er mich korrigierte, dass er nicht (wie von mir unterstellt) behaupte, ein ganz neuer Mensch geworden zu sein, sondern dass er weiterhin seine Lebenserfahrungen bewahre und wertschätze, allerdings die Bewertungsmaßstäbe geändert habe. Er greift in einem aktuellen Interview in der ZEIT dieses Thema wieder auf und spricht über das Lied “Sorry, poor old Germany” von Reinhard Mey, das die Zerstörung des deutschen Kulturguts, der Loreley, Goethes und Heines durch die Amerikanisierung beklage und einen seiner frühesten Bezugspunkte in Richtung Nationalismus dargestellt habe.

Die ZEIT fragt ihn:

Sind Sie immer noch ein Nationalromantiker? Reinhard Mey und sein Bedauern für die vergessene Loreley – treibt Sie das nicht mehr um?

Und Molau:

Ich wundere mich über Aussteiger, die sagen, sie könnten gar nicht mehr verstehen, was sie früher gesagt oder gemacht haben. Dieses Lied von Reinhard Mey habe ich mir neulich noch einmal angehört – und es hat mich natürlich noch berührt. Diesen romantischen Zug, dieser Schmerz, der immer mit Veränderung verbunden ist, den empfinde ich schon noch. Aber ich sehe nicht mehr alles schwarz und weiß wie früher und vor allem nicht mehr so grottenpessimistisch.

Hier sind die Muster wieder. Während sie für Schnitzler (“keine weitere Auseinandersetzung!”) unbedingte Gültigkeit haben, werden sie von Molau Stück für Stück aufgelöst. Die Erfahrung, die er macht – den Schmerz über die Veränderung, über die Amerikanisierung, über den Verlust der Heimat und der Vergangenheit – benutzt er nicht mehr, um durch sie ein Muster zu bestätigen, sondern er lässt sie in ihrer irreduziblen Größe stehen. Während für Schnitzler der judenwitzerzählende Jude kein echter, komplexer, widersprüchlicher Mensch aus Fleisch und Blut ist, sondern lediglich ein willkommener Anlass, einen Feind (mich) abzuurteilen, ist für Molau der Schmerz schlicht Schmerz – ohne ihn für andere Zwecke zu instrumentalisieren. Denn dieses Nicht-Stehenlassen der Wirklichkeit, ihre Reduktion auf bloße Muster, die einem bestimmten Zweck dienen, ist zentrales Kennzeichen totalitärer Ideologien.

Es ist interessant, dass es sich in Reinhard Meys Lied (das ich leider nicht kenne und mangels schneller Internetverbindung gerade auch nicht hören kann) ausgerechnet um die Loreley dreht. Denn die Loreley ist ja nicht etwa durch den Verlust der Heimat bedroht – sie ist durch diesen Verlust überhaupt erst entstanden. Sie wurde 1801 vom Romantiker Clemens Brentano erfunden und 1824 vom Metaromantiker Heinrich Heine unsterblich gemacht. Die Romantik ist eine poetische – und das heißt: eine musterlose, untotalitäre – Reaktion auf den Verlust von Heimat, Vergangenheit und Naivität. Dieser Verlust ist ein zeitloser. Er geschieht immerfort, und er gebiert immerfort neue Loreleyen, neue Traum- und Sehnsuchtsbilder von Heimat, Vergangenheit und Naivität. Doch die Traumbilder wachsen nur, wenn man dem Schmerz lauscht. Wer den Schmerz ausbeutet und verzweckt, wird die Traumbilder nicht zum Leben erwecken. Die Nazis bauten Heimat und Vergangenheit pompöse Monumente, und doch lag nach zwölf Jahren alles in Schutt und Asche.

Wir brauchen mehr Brentanos und weniger Freislers. Jeder kann ein Brentano sein, und jeder kann ein Freisler sein, das ist eine Sache der Denkstrukturen und nicht des Parteibuchs. Der Nazi kann sich in einen Dichter verwandeln, und der unbescholtene Bürger in einen Nazi. Das geht ganz schnell. Und wir tun gut daran, nicht vorschnell den Einordnungen der Welt zu folgen. Ich muss die Begriffe Pharisäer, Zöllner, Torheit und Weisheit nicht fallen lassen, um meinen Lesern (denn, so der Geistbraus-Ehrenkodex: es gibt keine Off-Topic-Artikel!) die transzendente Gründung dieses Aufrufs klarzumachen.

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Megatrend Judenwitz

Pitz'ah

Nachdem aktuell mal wieder haufenweise treudeutsch-katholische Unterthanen Staatsbürger wie z. B. der Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand und die Masse der kath.net-Kommentatoren (Intelligenzniveau “Diese Leute haben der katholischen Kirche total geschädigt” – danke, das Dativ hat mich auch total geschadet) von hohem Rosse herab eine Handvoll Würzburger Seminaristen abkanzeln, weil die angeblich Judenwitze erzählt und einer Südtiroler Heimatband gelauscht hätten, setze ich – ha, ich, der Hauptstädter! – mich jetzt einfach mal aufs noch höhere Ross und stoße den Provinzkleppern vom Maine ordentlich bescheid, wo der Bartl den Most bzw. der Berliner den Zeitgeist holt.

Es war 2005, ich war noch nicht sehr lange in Berlin, als ich den ersten Judenwitz hörte. Er ging so:

Was ist der Unterschied zwischen einem Juden und einer Pizza? – Die Pizza schreit im Ofen nicht.

Den Witz erzählte übrigens ein in Berlin lebender israelischer Künstler, und falls das nicht reicht: er war außerdem schwul, und falls das ebenfalls nicht reicht: er war Anhänger der Meretz-Partei.

Ein anderer Freund, ein in Berlin lebender Schweizer, fand den Witz gar nicht lustig.

Der Israeli: Ach Mann, Ihr Deutschen seid so verklemmt bei dem Thema!

Der Schweizer: Ich bin Schweizer!

Der Israeli: Egal, Du bist Berliner.

Der Schweizer: Ich hab ja auch gar nichts gegen Judenwitze, ich fand nur den Witz einfach nicht gut! Wenn schon Judenwitze, dann gute!

Ich muss hinzufügen, dass der Schweizer regelmäßig in Rage geriet, wenn er von den Wahlgewinnen der SVP erfuhr.

Ein paar Jahre später besuchte ich ihn in Paris. Wir saßen in einer Gruppe von Exil-Berlinern abends an der Seine. Es war eine laue Sommernacht, und der Lichterglanz der nächtlichen Metropole spiegelte sich auf der Wasserfläche. Der Schweizer stand auf, breitete die Hände aus, umspannte den 120-Grad-Winkel von Sacré-Cœur bis hinunter zum Louvre und sprach mit wehmütiger Stimme: “Und dies alles” – gedankenvolle Pause – “dies alles hat einmal UNS gehört!”

Alle lachten. Ja – das ist die Berliner Lifestyle-Avantgarde. Unterfränkische Generalvikare werden das freilich nie verstehen. Die Seminaristen hingegen habens raus. Ja, das werden mal gute, humorvolle katholische Priester. Vorausgesetzt, man weiht sie.

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Lasst die Muslime Verfassungsfeinde sein!

Sektenführer (1949)

Der Koran ist 1400 Jahre alt. Das Neue Testament ist 2000 Jahre alt. Das Alte Testament ist bis zu 3000 Jahre alt.

Dann kommt ein Sektenführer und verfasst eine dogmatische Konstitution, die in mehreren Teilen diesen Heiligen Schriften der drei abrahamitischen Religionen widerspricht. Der Sektenführer fordert die Vertreter dieser Religionen daraufhin auf, sich von den entsprechenden Passagen in ihren Schriften zu distanzieren. Was werden sie tun? Sie werden ihn auslachen.

Wirklich?

Der Sektenführer heißt Vater Staat, die dogmatische Konstitution heißt Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und ist gerade mal ein gutes halbes Jahrhundert alt. Aktuell fordert die Partei “Die Freiheit” die Muslime in Deutschland auf, allen “verfassungsfeindlichen” Aussagen des Korans abzuschwören. Nun stehen im Koran gewiss merkwürdige Dinge. Auch Aufforderungen, die, in die Realität umgesetzt, strafrechtlich relevant wären. Aber für diesen Zweck haben wir das Strafrecht. Heute schon. Wir brauchen nicht zusätzlich eine Gedankenpolizei.

Ich möchte nicht in einem Staat leben, wo ich nur an das glauben darf, was mir der Staat erlaubt. Ich möchte das Königtum Christi bekennen können, ohne dass mir entgegenschallt “Du bist des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser!” – Ich möchte, wenn ich denn wollte, auch an die wörtliche Offenbarung des Korans oder an die Nichtexistenz des Holocausts glauben dürfen, ohne dafür eingesperrt zu werden. Wenn ich als Folge dieses Glaubens Bomben hochgehen lasse oder türkische Gemüsehändler erschieße, sieht es natürlich anders aus. Aber erst dann.

Als Christ muss ich mich wohl momentan vor der Partei “Die Freiheit” nicht fürchten. Denn die Herren gehen davon aus, dass “die Bibel als eine Sammlung von Erzählungen gestaltet ist, die eine zeitgemäße Auslegung erlauben”, hingegen sei “der Koran in Befehlsform verfasst und nicht auslegungsfähig”. Wenigstens einmal kann ich froh sein, dass das Christentum hierzulande den Leuten nur in seiner kastrierten EKD-&-DBK-Version bekannt ist.

Allerdings weiß ein jeder, dass es im Judentum den Grundsatz “Aug um Auge, Zahn um Zahn” gibt. Und das, meine Herren, klingt doch verdächtig ähnlich wie die inkriminierte Koransure 2, 178:

“Bei Totschlag ist euch die Wiedervergeltung vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven und ein weibliches Wesen für ein weibliches Wesen.”

Müssen die Juden also nun Angst haben vor der Partei “Die Freiheit”? Müssen sie sich bald wie die Muslime den “Aufruf zu Mord, Totschlag, Körperverletzung, Krieg”, somit den Verstoß gegen Grundgesetz, Strafgesetzbuch, Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften und Medieninhalte, Völkerstrafgesetzbuch, UN-Charta, Europäische Menschenrechtskonvention und Charta der Grundrechte der EU nachsagen lassen?

Gewiss nicht. Die Juden sind doch unsere Freunde. Es geht doch hier nicht um die Juden! Nein, nein! Nicht die Juuden!! So sieht man also, worum es der Partei “Die Freiheit” geht: um simple Stimmungsmache gegen den Islam. Oder, etwas pointierter formuliert: Deutschland den Deutschen, oder gerne auch universeller: Abendland in Christenhand. Zu diesem Zweck kippen sie gleich mal die Freiheit der Religionsausübung über Bord. Heute betrifft uns das noch nicht. Doch wer sich heute als Christ der Stimmungsmache gegen den Islam nicht entgegenstellt, muss sich nicht wundern, wenn es morgen gegen die “erzkonservativen Katholiken” geht.

Der beste Kommentar zu dem Partei-Pamphlet stammt übrigens von User Hopefull, der nicht nur in seinem Nickname ein kreatives Verhältnis zur Rechtschreibung offenbart – weswegen ich seinen begeisterten Kommentar in aller orthographischen Zweideutigkeit einfach mal unkommentiert stehenlasse:

Fantatisch auf den Punkt gebracht.

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Schönster Herr Jesu

Ist klar wer das ist oder muss ich das Bild beschriften?

Die dritte Strophe dieses Kirchenlieds geht wie folgt:

Schön leucht’ die Sonne,
Schöner leucht’ der Monde,
Und die Sterne allzumal.
Jesus leucht’ schöner,
Jesus leucht’ reiner,
Als die Engel im Himmelssaal.

Ich musste an das Lied denken, als ich die jüngsten Blogbeiträge von Alipius und Cicero zum Thema Schönheit las. Und ich fürchte, ich muss mich an dieser Stelle, den beiden geschätzten Bloggerkollegen zum Trotz, als heimlicher Anhänger von Heidi Klum outen: “Niemand ist schön, so, wie er ist.” – Ja, ganz meine Meinung!

Denn Christus ist schöner.

Dabei war diese Erkenntnis, soweit ich informiert bin, unter den Kirchenvätern durchaus umstritten. Die frühen Väter waren der Meinung, Christus, der Gekreuzigte und Verspottete, sei eher hässlich gewesen. Etwas später hingegen, am deutlichsten bei Dionysius Areopagita, war die Schönheit Christi ausgemachte Sache: Insbesondere bei der Verklärung auf dem Tabor sei Er in übergroßem Glanz und überwältigender Schönheit erstrahlt.

Was stimmt nun? Naja, wir können uns ja ein Bild machen. Wir wissen doch, wie Christus aussah! Jedes Kind weiß das. Nicht umsonst erkennen wir ein Bild von Christus sofort an Gesichtszügen und Haartracht – wer wollte das von Petrus, Abraham oder Sokrates behaupten?

Ist also Christus (siehe Foto oben) schön? Könnte Er ein Model sein? Was würde wohl Heidi Klum sagen?

Die Frage ist natürlich völlig falsch gestellt. Und hier nähern wir uns allmählich dem spezifisch christlichen Schönheitsbegriff und entfernen uns zugleich vom verengten Schönheitsbegriff der Klumheidi. So 100% bin ich nämlich (ja – ich kann die werte Leserschaft beruhigen!!) doch nicht einer Meinung mit der Supermodelpäpstin. Aber dazu gleich.

Erstmal ein kleiner Spaziergang.

Man begegnet ja auf der Straße immer wieder schönen Frauen. Ich rede jetzt mal der Einfachkeit halber von Frauen, aber Frauen, Homo-, Zoo-, Nekro- oder Koprophile können selbstverständlich stattdessen die Schönheitsobjekte ihrer Wahl einsetzen. Wie oft passiert es also, dass ich eine Frau, die mir gerade eben noch als außergewöhnlich schön ins Auge gesprungen ist, nach zwei gewechselten Worten völlig unattraktiv finde – langweilig, affektiert, dumm, humorlos oder sonstwie abstoßend. Ebenfalls kommt es immer mal wieder vor (wenn auch seltener), dass eine Frau, die ich anfangs nicht besonders hübsch fand, im Laufe des Gesprächs immer liebenswertere Züge zeigt – ein süßes Lächeln, ein faszinierendes Temperament, einen provozierenden Humor – und ich nach ein paar Stunden, Tagen oder Wochen dieselbe Frau, die mir am Anfang unattraktiv vorkam, richtiggehend hübsch und anziehend finde. Manchmal aber (und das ist das allerseltenste) geschieht es, dass ich eine Frau treffe, die ich bereits vom reinen Anblick außergewöhnlich schön finde, und während ich mit ihr spreche, wird sie durch ihr bezauberndes Lächeln, ihre blitzenden Augen, ihr mitreißendes Temperament immer und immer unglaublicher. In dieser Situation bin ich dann rettungslos verloren. Sprich: sofort verliebt.

Man sieht also, Schönheit ist mehr als das zweidimensionale Foto. Wir brauchen die dritte Dimension. Und das ist hier nicht die räumliche Tiefe, sondern die Zeit. Schönheit zeigt sich nicht im Standbild von Gesichtszügen und Figur, sondern tritt erst zutage, wenn Gesichtszüge und Figur sich bewegen. Und während Kosmetik dazu dient, die Schönheit des Standbilds zu optimieren, lässt sich die Schönheit des bewegten Bilds nur durch ein anderes Mittel optimieren: Persönlichkeit.

Wenn Heidi Klum der Ansicht ist, “Niemand ist schön, so, wie er ist”, dann stimme ich dem Satz deshalb zu, weil ich anders als Frau Klum nicht die zwei-, sondern die dreidimensionale Schönheit im Blick habe. Und meine Diagnose lautet dementsprechend auch nicht: “Du bist nicht schön, also muss deiner Kosmetik nachgeholfen werden”, sondern “Du bist nicht schön, also muss deiner Persönlichkeit nachgeholfen werden”.

Denn was ist die Persönlichkeit eines Christenmenschen? Zuerst einmal: unvollkommen. “Niemand ist in Ordnung, so, wie er ist”. Wir sind Sünder. Wir haben Fehler. Wir sind Teil der gefallenen Welt.

Auch die Hässlichkeit ist Ausfluss der gefallenen Welt. Im Himmel wird es keine Hässlichkeit mehr geben. Die Schönheit des verklärten Christus leuchtet uns entgegen als Ideal- und Zielbild eines jeden, der Ihm nachfolgt.

Selbstverständlich ist die Korrespondenz zwischen Sünde und Hässlichkeit nur eine allgemeine, keine individuelle. Keineswegs ist jedes konkrete hässliche Ding, jede konkrete hässliche Kreatur Zeichen für eine besondere Verworfenheit oder Gottesferne dieses Dings oder dieser Kreatur. Eine solche 1:1-Korrespondenz wäre Blödsinn und dem christlichen Glauben entgegengesetzt. Ein hässlicher Mensch (nach Heidi Klums Maßstäben), ein wirklich hässlicher Mensch kann die bewundernswerteste und gottseligste Persönlichkeit haben – und, auch das müssen wir konzedieren, er wird selbst durch diese seine außergewöhnliche Persönlichkeit für menschliche Augen nie richtig schön werden. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass die himmlische Schönheit die Hässlichkeit dieses Menschen verklärt – und seis auch nur in einem einzigen Blitzen seiner Augen, in einer einzigen Bewegung seiner Hände. Wenn wir dieses Blitzen, diese Bewegung gesehen haben, so werden wir ihn niemals mehr mit denselben Augen ansehen, die eben noch geurteilt haben: “So ein hässlicher Mensch”. Wir werden stattdessen denken: “Wow.” – Und wir werden sehen, wie dieser Mensch auf das reagiert hat, was Heidi Klum diagnostiziert hat: “Niemand ist schön, so, wie er ist”: Er hat darauf reagiert, indem er nicht blieb, wie er war, sondern sich für Christus und Seine Schönheit öffnete und sich von Ihm verwandeln ließ.

So strahlt die himmlische Schönheit in Ewigkeit aus diesem Menschen hervor, während alle irdische, kosmetische Schönheit vor der Ewigkeit vergehen wird:

Schön sind die Blumen,
Schöner sind die Menschen
In der frischen Jugendzeit;
Sie müssen sterben,
Müssen verderben:
Jesus lebt in Ewigkeit.

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St. Patrick vergleicht die Dreifaltigkeit mit einem Kleeblatt, aber…

…Gott ist wunderbarer als all unsere menschlichen Vergleiche!

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Warum ich nicht bei Lebenssinndiscountern einkaufe

Der große Kult um die kleine Semmel

Schon seit längerer Zeit hegt mein Bücherregal (ohne allerdings zu einer vergleichbaren Touristenattraktion zu werden) ernstzunehmende Ambitionen, den schiefen Turm von Pisa zu übertrumpfen. Nacht für Nacht schlafe ich ein in der Furcht, gegen vier Uhr morgens vom höllischen Lärm zu Boden gehender Ordner, Noten und Lexika geweckt zu werden.

So habe ich mich vor ein paar Tagen aufgerafft, zum Baumarkt zu fahren und ein neues Regal zu kaufen.

Zum Baumarkt, gewiss. Erst als ich da war, fiel mir auf, dass gleich daneben Ikea war. Ich ließ michs aber nicht verdrießen, ging rein, nahm mir ein Holzregal aus dem Ständer (mit Aufschrift “Holzregal hell”, das einzige entsprechende, das sie hatten), bezahlte und ging nach Hause. So einfach war das.

Gut, dass ich nicht zu Ikea gegangen bin. Wenn es einen Laden gibt, der mir noch unsympathischer ist, ist es allenfalls Subway.

Ich bin öfter hungrig als dass ich neue Regale brauche – und nicht nur, dass nicht neben jedem Ikea ein Baumarkt ist, sondern es ist ebenfalls nicht neben jedem Subway eine Imbissbude. So kommt es, dass ich öfter bei Subway bin als bei Ikea, auch wenn ich danach am liebsten mit Weihwasser duschen möchte, weil man mich drinnen gar so sehr mit Lebenssinn besudelt hat.

Subway und Ikea sind ja keine ordinären Geschäfte, sondern veritable Kultorte. Das beginnt damit, dass man geduzt wird, geht damit weiter, dass der Verkäufer einen indigniert anschaut, wenn man die hausinterne Terminologie von kombinierbaren Deluxe-Paketen und Plus-sonstwie-150-pro-Rabatten nicht beherrscht, und endet damit, dass man am Ende doppelt soviel Zeit gebraucht und doppelt soviel gezahlt hat wie anderswo. Dafür trägt man eben nicht nur ein Sandwich nach Hause, sondern eine kultische Erfahrung, inkl. zugehöriger Devotionalien, Sprache und Ästhetik. Klar, dass der Mensch von heute, der diesbezüglich eher armselig ausgestattet ist, dafür schon ein bisschen mehr ausgibt.

Ich bin nun dummerweise Katholik. Ich habe schon einen Lebenssinn. Ich kann kultische Erfahrungen bis zum Erbrechen machen. In der Liturgie werd ich auch geduzt, die hausinterne Terminologie von Sündenpaketen und Ablassrabatten hab ich ebenfalls drauf, das ganze kostet auch eine Menge, allerdings weniger Geld als vielmehr Zeit, Demut und Selbsterkenntnis – kurz und gut: wenn ich zu Subway gehe, würde ich gerne einfach sagen können: “Ich hätt gern eine Wurschtsemmel mit Tomaten”.

Das geht aber nicht. Es geht ebensowenig, wie den Beichtstuhl zu betreten und zu sagen “Ich hätt gern einmal Absolution mit Zuspruch”. Nur dass ich, wenn ich aus dem Beichtstuhl komme, tatsächlich Vergebung meiner Sünden und Seligkeit in Ewigkeit bekommen habe. Wenn ich aus dem Subway komme, hab ich zehn Minuten später schon wieder Hunger.

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Das Ende der Profanierung

Welcher gläubige Katholik würde sich das nicht wünschen?

Da sind die Menschen gerade noch wild durcheinandergewuselt, ohne jede Ehrfurcht vor dem Heiligen, lachend, ungeniert laut redend, vor Heiligenstatuen zum Foto posierend, der eine kaut noch sein Sandwich, der andere tippt in sein Handy, Witze werden gerissen, Kinder spielen Fangsti, Betende werden versehentlich angerempelt, ein amerikanischer Reiseführer erklärt mit Stentorstimme 30 übergewichtigen Rentner_innen in Shorts und T-Shirt “this important site of cultural heritage” -

da -

plötzlich -

verstummt alles -

alles steht still -

und -

wie von Geisterhand bewegt -

wenden sich alle Blicke -

NACH OSTEN

zum Altar -

zum Allerheiligsten -

ZU JESUS CHRISTUS!

Denn genau an der Stelle hat sich gerade Dominique Venner erschossen.

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Bitte schnell zum Arzt! Es drohen Lyrik-Ergüsse!

Oh! Oh! Auf einem Nachbarblog liest man aktuell Perlen abendländischer Dichtung!

Zum Autor: “Wilhelm Willms (* 4. November 1930 in Rurdorf an der Rur, heute Linnich; † 25. Dezember 2002 in Heinsberg) war ein deutscher katholischer Priester und Verfasser geistlicher Lieder und Lyrik. 1972 gewann er beim Wettbewerb „Kiel oben – Kiel unten“ zum Neuen Geistlichen Lied anlässlich der…”

Kann das gut enden?

Nein!

Doch!

Denn es macht solchen Spaß, das Gedicht umzudichten…

der heilige geist
er ist nicht schwarz
er ist nicht blond
er trägt keinen dreizack
er ist auch nicht gezuckert
und er ist keine kartoffel

der heilige geist ist ein grünes krokodil

er ist da
wo menschen auf ihm reiten möchten
der heilige geist ist da
wo es viel futter gibt
wo das denken kurz ist
wo das hungern und morden und kriegführen
noch spaß macht
der heilige geist lässt sich nicht
in die fresse hauen
von katholischen poeten
nicht von evangelischen poeten
der heilige geist ist auch
keine milchkuh
die wiederkäut
was schon hintenrum gequirlt wurde
auch keine lyrikmaschine
die alles plattdichtet
der heilige geist
ist verfressen
er ist ein grünes krokodil
sehr grün
und er duldet keinen widerspruch
er liebt das essen
er liebt die lyriker
er spielt selber lyra

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Warum Krieg doch keine gute Sache ist…

Wohlfeiler Pazifismus

Gleich vorweg: ich finde die Friedenspreisverleihung an Schulen, die die Bundeswehr aussperren, genauso erbärmlich wie einst die Aktionen “Kein Ort für Nazis” oder “Kauft nicht bei Juden”. Wo immer Menschen meinen, auf der moralisch besseren Seite zu stehen, indem sie das Gespräch mit anderen Menschen verweigern, ist gewaltig was schiefgelaufen. Insofern begrüße ich das Engagement von Elsa und anderen gegen die diesjährige Verleihung des Aachener Friedenspreises prinzipiell ganz klar.

Allerdings: Die Argumentationslinien, die sich insbesondere im anschließenden Kommentarbereich zeigen, kann ich nicht teilen. Hier wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Vor allem zwei mehrmals auftauchende Aussagen sind es, denen ich energisch widersprechen muss.

1. Christus hat nie Soldaten verurteilt. – Das ist richtig. Christus hat auch nie Huren und Zöllner verurteilt. Auch die Ehebrecherin hat Er nicht verurteilt. Es war generell nicht Seine Art, Menschen zu verurteilen, weil sie Unrecht begangen hatten. Doch das heißt nicht, dass Er ihre Fehler gutgeheißen hätte. Er hasste die Sünde und liebte den Sünder. “Geh hin und sündige hinfort nicht mehr”, sprach Er immer wieder. Erst wenn der Mensch dieses Angebot ausschlug, wenn er gar leugnete, überhaupt Sünder zu sein und sich für besser hielt als andere, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, dann wurde er von Christus verurteilt.

2. Töten im Krieg ist keine Sünde. Das fünfte Gebot heißt “Du sollst nicht töten”, gemeint ist aber “Du sollst nicht morden”. – Auch das ist zweifellos richtig. Das fünfte Gebot bezieht sich weder auf das Töten im Krieg noch auf das Töten von Tieren. Dafür benutzte man im Hebräischen andere Wörter. Genausowenig allerdings bezieht sich das fünfte Gebot überhaupt auf uns. Die Zehn Gebote sind Teil des alttestamentlichen Gesetzes. Wir stehen nicht mehr unter diesem Gesetz. Christus hat das Gesetz erfüllt und gleichzeitig radikalisiert. In der radikalisierten Version klingt das fünfte Gebot so:

Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. (…) Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. (…) Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? (Mt 5, 39-47)

Die Christenheit hat eine große und beschämende Tradition, die Bergpredigt kleinzureden. Denn jeder Christ erlebt ständig, wie er an den übermenschlichen Forderungen Christi scheitert. Und genauso, wie mancher, der einst felsenfest für die Unauflöslichkeit der Ehe eintrat, in dem Moment davon abrückt, wo seine eigene Ehe scheitert, können viele den Widerspruch zwischen dem Anspruch Christi und dem eigenen Scheitern nicht aushalten. Sie schaffen nicht, das Paradoxon zu ertragen, das einst der Vater des besessenen Knaben aussprach: “Ich glaube; hilf meinem Unglauben!” (Mk 9, 24). So erfanden sie diverse Konstrukte, um die Forderungen der Bergpredigt zu zähmen.

Besonders beliebt im katholischen Bereich ist die Behauptung, sie beziehe sich nur auf Priester und Ordensleute. Bei Elsa geht das sogar so weit, dass sie verkündet, als katholische Laiin gar nicht in der Christusnachfolge zu stehen. Doch Christus verkündigt die Bergpredigt “seinen Jüngern” (Mt 5, 1). Matthäus schreibt nichts darüber, die Bergpredigt sei exklusiv den Zwölfen offenbart worden, wie die Einsetzung der Eucharistie, oder gar nur den Dreien, wie die Verklärung auf dem Tabor. Als Christus die gleichen Inhalte bei anderer Gelegenheit auf dem Felde predigt, hören ihn sogar “eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus ganz Judäa und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon” (Lk 6, 17). Die Bergpredigt geht alle an. Und alle, ob Priester oder Laien, scheitern an ihr.

Dietrich Bonhoeffer

Im protestantischen Bereich hat man sich ein anderes Konstrukt zurechtgelegt. Es nennt sich “Amt”. Die Bergpredigt gelte demnach nur für Privatpersonen, Inhaber öffentlicher Ämter müssten sich nicht daran halten. Somit war auch der Krieg legitim. Einer der wenigen, die explizit gegen dieses Konstrukt Stellung beziehen, ist Dietrich Bonhoeffer. In seinem Buch “Nachfolge” von 1937, einer Auslegung der Bergpredigt, schreibt er:

Jesus aber ist diese Unterscheidung zwischen mir als Privatperson und als Träger des Amtes als maßgeblich für mein Handeln fremd. Er sagt uns darüber kein Wort. Er redet seine Nachfolger an als solche, die alles verlassen hatten, um ihm nachzufolgen. (…) In der Tat ist ja die genannte Unterscheidung einer unlösbaren Schwierigkeit ausgesetzt. Wo bin ich im wirklichen Leben nur Privatperson, wo nur Amtsträger? Bin ich nicht, wo immer ich angegriffen werde, zugleich der Vater meiner Kinder, der Prediger meiner Gemeinde, der Staatsmann meines Volkes?

Bonhoeffer, der ja durchaus nicht in bequemen Friedenszeiten lebte, nimmt die Bergpredigt ernst und wendet sie auch auf den Krieg an. Auch er setzt dafür im Alten Bund an:

Es gibt im Alten Testament nirgends einen Satz, der den Feindeshass geböte. (…) Aber Jesus spricht hier von keiner natürlichen Feindschaft, sondern von der Feindschaft des Gottesvolks gegen die Welt. Die Kriege Israels waren die einzigen “heiligen” Kriege, die es in der Welt gab. Sie waren die Kriege Gottes gegen die Götzenwelt. Jesus verurteilt diese Feindschaft nicht, er müsste ja sonst die Geschichte Gottes mit seinem Volk verurteilen. Vielmehr bejaht Jesus den Alten Bund. Es geht auch ihm allein um die Überwindung der Feinde, um den Sieg der Gemeinde Gottes. Aber er löst mit seinem Gebot abermals seine Jüngergemeinde aus der politischen Gestalt des Volkes Israel. Damit gibt es keine Glaubenskriege mehr, damit hat Gott die Verheißung des Sieges über den Feind in die Feindesliebe gelegt.

Bonhoeffer weiß: die Feindesliebe geht dem natürlichen Menschen “über die Kraft, sie verstößt gegen seinen Begriff von Gut und Böse”. Doch das ist kein Grund, sie nicht ernstzunehmen. Es ist vielmehr ein Grund, das Unglaubliche zu denken:

Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?

Dieser Satz erinnert an einen anderen:

Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? (…) Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. (Mt 26, 52f. / Joh 18, 36)

Es war damals nur ein einzelner Mensch, der ungeteilte Feindesliebe übte und Seinen Feinden “betend und wehrlos” gegenübertrat. Doch was das für die Welt bedeutete, wissen wir seit 2000 Jahren. Christi Opfertod ist der Quell aller Feindesliebe. Und gleichzeitig ist dieser Opfertod unser Trost, wenn wir täglich erleben, wie wir an der Feindesliebe scheitern: denn so groß war das Liebesopfer Christi, dass es ausreicht, um uns Sünder mitzuerlösen.

Auch Soldaten, auch kriegführende Staatsmänner scheitern immer wieder an der Feindesliebe. Deswegen sind sie keine schlechteren oder besseren Menschen als alle anderen. Doch das heißt noch lange nicht, dass mit dem Krieg alles in bester Ordnung ist. Es heißt noch lange nicht, dass wir nicht jeden Tag wieder neu danach streben sollen, Adam zu ersäufen und Christus in uns wachsen zu lassen. Den Feind zu lieben, anstatt uns an tote Gesetze zu klammern.

Wer anfängt, es sich in dieser Welt und in seinem irdischen Leben bequem einzurichten, hat schon verloren. Wer wie Elsa im Brief an den Bischof damit argumentiert, “dass der Text des Grundgesetzes das Wort ‘Streitkräfte’ insgesamt 18 Mal erwähnt, und zwar in unterschiedlichen Artikeln”, der scheint vergessen zu haben, dass diese Welt in Schall und Rauch vergehen wird. Wer sein Herz an diese Welt hängt, wird jene verlieren. Wer aufhört, daran zu glauben, dass die Liebe Gottes das Unglaubliche – das betende, waffenlose Volk im Angesicht seiner Feinde – bewirken kann, der leugnet die Größe Gottes. Wer meint, unsere irdischen Kompromisse, die Zeugnisse unseres ständigen menschlichen Scheiterns, seien eine gottselige Einrichtung, der gleicht den Schriftgelehrten und Pharisäern, die auch meinten, ihr Leben sei in bester Ordnung.

Nein.

Unser Leben, unsere Gesellschaft ist nicht in Ordnung. Wir sind Sünder, die Menschheit ist gefallen. Der Krieg ist eine Erfindung des Teufels. Nicht durch Waffen, sondern nur durch die Liebe Gottes kann er überwunden werden.

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norddeitscher Humor, gibts des aa?

D'Joost Gesche

Des is scho a sauberna Coup vo da SPD: a jungs feschs Madl homs an Stoabrick Beder an d Seitn gstejd – dåmit da oide Glorgondla a bissi mehra bei de Weiber punktn ko. An griabing norddeitschn Humor dad da Stoabrick oiwe zoang, moants Madl – noja, woj mas amoi glaum. Åba oans homs ned iabalegt, d Großkopfatn vo da SPD: Ob des ehrli so a guade Idee is, fir an Kåndidatn, da wo “Peer” hoaßt, agråd a Madl mit am Naman “Gesche Joost” z nehma? Herrschaftsakrament! San des iabahapts Naman? Hod de scho amoi wer ghert?? Då hert si ja “Ali Özkün” no vatrauder o! Wead de CSU jetzat reagiern und an “Franz-Xaver Hinterblunzner” und a “Zenzi Gschwundmeier” aufstejn? Oda miassma boid a katholische Kavållerie losschicka? Kreiz gega Klore Kontn! Af gehts! Da Himmivåtter wuis!

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Ich will doch meinem Ruf

...frohe Weihnachten!

als Formulierungsfascho mal wieder gerecht werden. Les ich doch grad in der FAZ, “dass die Markenpiraterie in der Türkei noch immer fröhliche Urständ feiert”.

“Noch immer fröhliche Urständ”?

Also was jetz? Entweder die Markenpiraterie in der Türkei feiert fröhliche Urständ. Dann war sie eine Weile verschwunden und kommt jetzt wieder. Oder aber die Markenpiraterie in der Türkei ist noch immer ungebrochen. Dann feiert sie keine fröhliche Urständ, denn dann war sie ja gar nicht weg. Man kann nicht seit Jahrzehnten ständig fröhliche Urständ feiern. Man kann nicht ständig wiederkommen, ohne weggewesen zu sein.

Kann man nicht?!

Freilich kann man!

Christus kann das! Jedes Jahr feiert er fröhliche Urständ! Und ist doch nicht weggewesen! Und ist doch ständig weg! Und ist doch ständig da! Und wird jedes Jahr gekreuzigt und steht jedes Jahr wieder auf! Semel et semper! O Magnum Mysterium!

Was lernen wir draus?

Christus kann Dinge, die die Markenpiraterie nicht kann!

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Prohe Fingsten!

Geistbraus-Patrozinium! Und er wirbelt mal wieder gehörig! Meine Bloggerkollegen werden zu Mili taristen, der Erzbischof Berolinensis schreibt mir persönlich (und nicht nur mir), eine himmelblaue Broschüre “GLAUBENSRÄUME” liegt bei – hey, für so nen Mist zahl ich Kirchensteuer? Wo ist denn Eure Creativität hin, liebe diözesane PR-Abteilung? da hätt ich schon mindestens mit dem Titel “GLAUBENS(-t-)RÄUME” gerechnet!! – und auf der zugehörigen Homepage lädt zuerst so nen weißes Bild, und man ahnt sogleich: det is der Paps! da scrollt man runter und wieder hoch und plötzlich springt einem, wo grad eben noch lächelndsegnend Fapst Pranz war, die rundbebrillte Kardi-Woelki-Hackefresse entgegen! Ja in nomine Fatris, et Pilii et Siritus Spancti, fuckrament nocheinmal! Was ist denn los? Hab ich jetz etwa nen Swrachpfehler?

Ah!!

Pingsten! Pingsten!

Der Breisgaust ist kerabgehommen!

Und Ihr persteht mich frotzdem! Hallejulia!

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100 Jahre Davila – und kein Ende!

N. Gomez Davila

Nikolaus Gomez Davila wird heute 100 Jahre alt, worauf Bloggerkollege Altmod dankenswerterweise aufmerksam macht!

Davila ist Pop – und er wird mehr und mehr Mainstream, weswegen er nun die kritische Schwelle überschritten hat, wo man ihn hemmungslos persiflieren darf!

So darf sich geneigte Davila-Fan heute freuen: Zum hundertsten Geburtstag hab ich sieben brandneue Davila-Aphorismen in der Geschenktüte! Druckfrisch und original geistgebraust – und zum 101sten Geburtstag dann womöglich sogar der Davilator: man gebe fünf Stichwörter ein, und unten kommt der Aphorismus raus!

Also, meine Herren, halten Sie sich fest:

  • “Der Reaktionär glaubt niemandem – doch er weiß auch, dass es reaktionär ist, niemandem zu glauben.”
  • “Nur ein Dummkopf denkt, der Verwesungsgeruch eines toten Gottes sei der liebliche Duft eines wohlgefälligen Opfers.”
  • “Die größte Sünde des modernen Adam ist nicht, dass er vom verbotenen Baum aß, sondern dass er sich bei der Schlange dafür bedankte.”
  • “Die Diskussion über Engel auf Nadelspitzen ist nur für jene müßig, die selbst nicht auf beiden Beinen stehen können.”
  • “Der moderne Katholik glaubt an Gott nicht wegen, sondern trotz der Offenbarung.”
  • “Keine andere Lehre hat die Männer von Galiläa so nachhaltig begeistert wie diejenige eines galiläischen Gottes.” (zusammen mit Blaise Pascal)
  • ” ‘Zeitgemäß’ und ‘Zeitbedingt’ sind die Worte des modernen Menschen für Gut und Böse.”
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Treffen sich Mega und Krass

...ganz so krass megalang war unser Stau allerdings nicht...

Es gibt doch nichts schöneres, als mit lieben Menschen in einer Mitfahrgelegenheit im Stau zu stehen. Heute abend war es mal wieder soweit. Die zwei Mädels – die eine am Steuer, die andere am Rücksitz – waren zwar nicht besonders ansehnlich, zeichneten sich aber durch feinen Witz und sensiblen Intellekt aus. Nach einer Weile hörte ich auf mitzuzählen, wie oft die Braunhaarige am Steuer das Wort “mega” benutzte, weil ich (typisch Mann halt) nicht multitaskingbegabt genug war, um gleichzeitig mitzuverfolgen, wie oft die Blonde am Rücksitz das Wort “krass” verwendete.

Ich erkannte natürlich sogleich, dass es den beiden Damen um Transzendierung ging. Die Krass-Blonde suchte eher die qualitative, die Mega-Braunhaarige eher die quantitative Transzendierung: “Ey damals haben wir zehn Stunden nach Berlin gebraucht, weil wir sind megalang im Stau gestanden!” – “Woah, das sind schon sone krassen Erfahrungen!”

Megakrass – da waren sie sich einig – sei es aber, was man immer so auf den Mitfahrgelegenheiten erlebe. Zum Beispiel neulich mit so einem Typen, der hat bei einer Werbeagentur gearbeitet und die ganze Fahrt über gequatscht. Und dann neulich mit einem anderen, der hieß Jörn und hat gesagt, “nennt mich doch einfach Max”. Und sie hatten noch megaviele sone krassen Beispiele.

Ich fühlte mich etwas deplaciert, denn ich hatte derlei abgefahrenes Zeug auf Mitfahrgelegenheiten noch nie erlebt. Normalerweise treffe ich dort sehr langweilige Leute. Meine außergewöhnlichsten Erfahrungen habe ich an ganz anderen Orten gemacht, aber diese Erlebnisse erzähle ich ihrer außergewöhnlichen Natur entsprechend auch nur guten Freunden. Ich tituliere sie übrigens auch nicht als mega und krass. Sie sind es.

Mega, krass, abgefahren, verrückt, frech, unkonventionell gehören zu der höchst merkwürdigen Klasse von Wörtern, die das, was sie semantisch bezeichnen, pragmatisch meistens nicht bezeichnen. Anders gesagt: Die Häufigkeit ihres Auftretens ist umgekehrt proportional zur Häufigkeit des Auftretens der durch sie bezeichneten Sache. Nochmal anders: Ich habe den ganzen Abend die Wörter Mega und Krass gehört und von keiner einzigen megakrassen Sache erfahren. Mir wurde lediglich eine Erfahrung bestätigt, die ich (siehe oben) schon zu Genüge gemacht habe: ich habe bei einer Mitfahrgelegenheit langweilige Leute getroffen.

Dennoch bleibe ich dabei, dass es den beiden Mädels um Transzendierung ging. Sie waren dazu nicht fähig, weil sie eben ganz normale, durchschnittliche Mädels waren. Es ist nicht schlimm, durchschnittlich zu sein. In meiner Kindheit kannte ich eine Reihe sehr durchschnittlicher alter Frauen, vor denen ich großen Respekt hatte. Auch sie suchten die Transzendierung ihrer Durchschnittlichkeit. Doch sie führten zu dem Zweck nicht Mega und Krass im Mund, sondern ganz andere Worte:

“Mei, der Herrgott werds scho recht machen!”

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Der ewige Poet

Neulich habe ich einen Poeten getroffen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das jemals passieren würde. Aber hier konnte es keinen Zweifel geben: Er schrieb Gedichte, und auf der Innenseite seines Handgelenks hatte er in Zierschrift das Wort “Poesie” tätowiert. Als Künstler erfolglos, wohnhaft im Allgäu, kleidete er sich wie der letzte Hipster in Berlin-Kreuzberg, langer Schal, origineller Hut. Eine bizarre Mélange.

Ich habe mich gefragt, ob ihm klar war,

dass, erstens, Poesie im Deutschen keineswegs die Übersetzung von poetry ist, sondern seit altersher die Bezeichnung für die Werke eines mittelmäßigen Künstlers, der sein möchte, was er nicht ist, nämlich: Dichter, Dichtung für die Ewigkeit dichtend, in Wahrheit aber nur ist, was er niemals sein wollte: Poet, Poesie für Ansichtskarten oder die nächste Mülltonne verfassend, von der Nachwelt schon zu Lebzeiten vergessen,

dass, zweitens, er tatsächlich ganz genau dem Bild eines Poeten entsprach,

dass, drittens, jener Ort, das innere Handgelenk, das er für sein Tätogramm auserkoren hatte, just derselbe Ort ist, wo wir einst als Schüler unsere Mathematikformeln zum Spicken notierten, nur mit dem Unterschied, dass wir unseren Spickzettel nach der Prüfung abwuschen, der verschnörkelte “Poesie”-Schriftzug ihn jedoch bis zum Tode begleiten wird,

dass er, viertens, wenn er, was Gott verhüten möge, dereinst vergäße, wozu er auf der Welt sei, also was, mit Kierkegaard gesprochen, die Idee sei, für die er leben und sterben wolle, er nur seinen existenziellen Spickzettel konsultieren müsse, um dort seinen Lebenssinn für alle Zeit in Zierschrift eingemeißelt zu lesen: Poesie, Mülltonne, ewige Vergessenheit?

Der Mann tat mir leid. Kopten haben an derselben Stelle das Kreuz tätowiert.

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